Die Wurzel des Problems liegt in der Illusion

Die Wurzel des Problems liegt in der Illusion, dass es zwischen Mensch und Bürger keinen Abstand geben kann. Das Prinzip dabei, das Menschliche vom nicht-Menschlichen, den Bürger vom bloßen Menschen zu trennen ist jedoch älter. Die moderne Differenzierung zwischen Mensch und Staatsbürger ist das Äquivalent der antiken Differenzierung zwischen zoe und bios. Aristoteles definiert den Menschen als „zoon politikon”, was als „politisches Tier” übersetzt werden kann. Dabei orientiert sich dieser Begriff nach Agamben eher an bios als an zoe. Mit bios wird im altgriechischen ein qualifiziertes Leben, eine Lebensform gemeint, wie zum Beispiel das politische Leben. Zoe bedeutet im Gegensatz das einfache Lebendigsein, was auch Tieren zukommt. Zoe könnte in der Antike niemals Gegenstand der Politik in der polis sein, das war eine Angelegenheit der Privatsphäre, des oikos. Agamben lehnt sich auch an Hannah Ahrendt, um das Problem der Koppelung der Menschenrechte an die Staatsbürgerschaftsrechte aufzuweisen: „Im System des Nationalstaates erweisen sich die sogenannten heiligen und unveräußerlichen Menschenrechte , sobald sie nicht als Rechte des Staatsbürgers zu handhaben sind, als bar allen Schutzes”(HS S. 135) Die Politisierung des bloßen Lebens hängt nach Agamben mit der Frage zusammen „an welchem Punkt das Leben aufhört politisch relevant zu sein” (Agamben 2002, p. 151). Wer fällt unter dem Schutz des Rechts und wer wird davon ausgeschlossen? Genau durch siese Kluft die sich zwischen Mensch und Bürger öffnet, kommt das nackte und somit tötbare Leben erneut in den Vorschein und eine neue Struktur der Souveränität wird offensichtlich: „In der modernen Bio-Politik ist derjenige souverän, der über den Wert oder Unwert des Lebens als solches entscheidet. Das Leben das mit der Erklärung der Menschenrechte als solches zum Prinzip der Souveränität erhoben worden ist, wird nun selbst zum Ort einer souveränen Entscheidung.” (Agamben 2002 , p. 140)